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Umm Muhammad-Kassiem (Gaironisa Jacobs)

Islam - Mein Geburtsrecht


VORWORT

Alles Lob und aller Preis gebühren Allah, Subhanaha wa ta Ala, Der mich auf Seinen Weg geführt hat. Ich hätte Seinen Weg nicht zu finden vermocht, wenn Allah mich nicht geführt hätte.

Wir lobpreisen ALLAH und erbitten SEINE Hilfe und Vergebung und suchen Zuflucht bei Allah, dem Allerhöchsten, vor dem Bösen in uns selbst und in unseren Taten. Ich bezeuge, dass es keinen Gott außer Allah gibt, und ich bezeuge, dass Muhammad der Gesandte Allahs ist. Allahs Frieden und Segnungen möge auf dem letzten Propheten Muhammad ruhen, sowie auf seiner Familie und seinen noblen Gefährten.

" Wahrlich, die Religion bei Allah ist der Islam..." [Sure al-Imran 3:19]

 

Islam ist nicht die Religion einer bestimmten Nation oder eines bestimmten Landes, es ist die Religion für die gesamte Menschheit. Aber die Rechtleitung eines Menschen obliegt einzig und allein Allah.

Dies ist die bescheidene Beschreibung meines Weges zu der einzig wahrhaftigen Religion, DEM ISLAM. Möge Allah es annehmen und möge es meinen Schwestern und Brüdern, aber insbesondere den Neu-Muslimen Hoffnung, Mut und Kraft auf (ihrem Weg zu Allah) geben, inscha-Allah.

Der Weg zu IHM kann lang und schwierig, aber auch kurz und leicht sein. Wir müssen deshalb demütig und bescheiden bleiben und uns in schöner Geduld üben, denn die letzte Entscheidung liegt einzig und allein bei Allah.

" O ihr, die ihr glaubt, seid geduldig und wetteifert in Geduld und seid standhaft und fürchtet Allah; vielleicht werdet ihr Erfolg haben. " [Sure al-Imran 3:200]

Ich danke Allah Subhanahu wa ta Ala für die vielen muslimischen Schwestern und Brüder aus aller Welt, die mir durch ihre Standhaftigkeit im Glauben, den geraden Weg zu IHM geebnet und erleichtert haben, Alhamdu-lillah.

 

Umm Muhammad-Kassiem( Gaironisa Jacobs )

Sha’aban 14l6/ Januar 1996, (1. AUFLAGE) 

Dschumada-l-ula 1417/ September l996, (2..AUFLAGE), 

Soltau / Germany

 

 

DIE FITRA  

 

Der Prophet (a.s.s.) sagte:

"Jedes Kind wird in einem Zustand der Fitra geboren. Aber seine Eltern machen aus ihm einen Juden, einen Christen oder einem Sabäer. " [Al-Bukhari]

Mein langer und schwieriger Weg zu Allah Subhanahu wa ta Ala, welcher mich zur Annahme des Islams geführt hat, war am Anfang nicht beeinflusst durch wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit Bibel und Qur’an, sondern durch die praktische Islamische Lebensweise.

Ich wurde im Zweiten Weltkrieg in der "Freien Hansestadt Hamburg" geboren, in einer Zeit, in der die Mehrheit des deutschen Volkes das "Dritte Reich" vergötterte. Meine Familie gehörte seit Generationen dem traditionsbewussten und protestantischen Bürgertum an. Die älteste und erste Hauptkirche Hamburgs, St. Petri, war das Gotteshaus meiner Familie.

Im Nachkriegsdeutschland, im Chaos politischer und sozialer Veränderungen, wuchs ich als Kind und Jugendliche auf. Diese tiefgreifenden Entwicklungen prägten mich sehr früh und stark.

Meine Eltern erzogen mich in preußischer Disziplin zu einem verantwortungsbewussten Familienmitglied. Die strenge Lebensweise der evangelisch-lutherischen Kirche bestimmte meinen Alltag. Die anerzogene Gehorsamkeit gegenüber allen Personen mit Autorität wie Eltern, Lehrer und Pastoren konnte ich nicht ohne Widerspruch akzeptieren, so dass Wörter wie Gerechtigkeit, Nächstenliebe, Menschenwürde und Standhaftigkeit für mich keine inhaltslosen Begriffe waren.

In allen meinen Lebensphasen, waren dies die ausschlaggebenden Werte meines aktiven, engagierten und couragierten Handelns. Schon in meiner Schul- und Ausbildungszeit und im späteren Berufsleben setzte ich mich für meine Mitmenschen, ungeachtet ihrer Herkunft oder Religion, ein. Dies war mein Weg des Suchens nach der "wahren Gerechtigkeit und der Nächstenliebe". Dabei stieß ich, je älter ich wurde, auf erbitterten Widerstand seitens meiner Familie, Schule und Kirche. Auf meine mich quälenden Fragen, nach dem Tod von Millionen unschuldiger Opfer des Zweiten Weltkrieges, bekam ich keine überzeugenden Antworten.

 

Seit meinem 3. Schuljahr ging ich jeden Sonntag mit großer Freude zum Kindergottesdienst. Mit der Zeit lernte ich die Prophetengeschichten des Alten Testaments kennen und ich fing an, mich mit ihnen inhaltlich zu beschäftigen. Es bereitete mir immer wieder eine große Freude, die bekannten Geschichten aufs Neue erzählt zu bekommen. Dabei empfand ich Wärme und Geborgenheit. 

Während der zweijährigen Vorkonfirmandenzeit ließen mein Interesse und meine Aufmerksamkeit merklich nach, denn der Schwerpunkt des Unterrichts lag im Auswendiglernen des "Kleinen Katechismus mit Erklärung" von Martin Luther. Dadurch verlor ich zum Alten Testament langsam meine innere Beziehung und in den Evangelien des Neuen Testaments, konnte ich keinen zusammenhängenden Sinn erkennen.

Je älter und kritischer ich wurde, umso öfter hinterfragte ich die Aussagen meiner christlichen Vorbilder über die Glaubensinhalte der Trinität und der Erbsünde. Ich stellte mir selbst viele Fragen:

'Warum lässt Gott es zu, dass ein Kind mit den Sünden der Väter zur Welt kommt?', 

oder 

'Wie soll ich mir den Heiligen Geist vorstellen?', 

oder 

'Warum hatte Jesus, 'Sohn Gottes' so wenig Einfluss auf das Leben der Anderen?'.

Ich verstand einfach nicht wie man an Gott, den "Heiligen Sohn" und den "Heiligen Geist" gleichzeitig glauben konnte! Ebenso unvorstellbar war es für mich, dass man mich für die Sünden meiner Vorväter zur Rechenschaft ziehen konnte!

Da ich keine befriedigenden Antworten erhielt, kam ich zu der Überzeugung, dass Christen glauben müssen ohne zu verstehen. Aber ich konnte nicht glauben ohne zu verstehen, und ich wollte nicht leiden und büßen für die Schuld anderer, da ich mir keiner Schuld bewusst war. [ Erst viele Jahre später, las ich die tröstenden Worte im Qur’an, Sure 6:164: ".....Und was sich jede Seele erworben hat, wird (dereinst) niemanden außer ihr selbst zuteilt, und keine Lasttragende soll die Last einer anderen tragen...." ]

Zum ersten Mal erwachte in mir so etwas wie ein innerer Widerstand, den ich aber nicht in Worten ausdrücken konnte. Es begann ein mühevoller Weg des Suchens nach geistigen, seelischen und sozialen Glaubensinhalten. Vergeblich wartete ich auf die Umsetzung des theoretischen, christlichen Lippenbekenntnis "liebe deinen Nächsten, wie dich selbst." 

Das gesprochene Kanzelwort der Nächstenliebe genügte mir bei weitem nicht. Ich wollte die Nächstenliebe in die Praxis, in meinem täglichen Leben im Umgang mit allen Menschen und Religionen umsetzen. Zunehmend entdeckte ich an meinen christlichen Vorbildern, dass Recht mit zweierlei Maß gemessen wurde. Christenrecht galt nur für Christen, aber nicht für Menschen, die anders aussahen, dachten und handelten.

Mit 16 Jahren wurde ich konfirmiert und gehörte nun der christlichen Gemeinschaft der Erwachsenen an. Durch die Annahme des "Heiligen Abendmahls Christi", wurde der Bund mit "Gott, Gottes Sohn und dem Heiligen Geist" erneuert und bestätigt, und mir indirekt meine Schuld am "Opfertod Jesu Christi am Kreuz" vergeben. Diese Entscheidung hatten meine Eltern, in meinem Namen "Angelika, Elisabeth, Henna" durch die christliche Taufe bestimmt. Das Abendmahl war für mich eine rituelle Handlung - das erste und einzige an dem ich teilnahm.

Es waren letztendlich die ständig wiederkehrenden Schuldgefühle, die mich das Christentum lehren wollte, die den Abstand zu den Gottesdiensten immer größer werden ließen. Ich hatte Gott in der Kirche gesucht, aber sie gab mir keine Antwort. Nach Verlassen der Gottesdienste überkam mich jedes Mal ein heftigeres und innigeres Verlangen nach Freiheit. Dies war der unbewusste Anfang auf der Suche nach dem Sinn des Lebens zu gehen. Ich fühlte mich aufs Tiefste mit der Schöpfung Gottes verbunden.

Seit frühester Kindheit war ich es gewohnt, jeden Abend zum "lieben Gott" zu beten, ihm vertraute ich meine Wünsche und Sorgen an, Dieser direkte Weg zu Gott genügte mir.

Mit der Zeit gehörten die Gottesdienste für mich nur noch zum gesellschaftlichen Rahmen: Mein Interesse richtete sich auf die rhetorische Kanzelsprache und dem lauten Kirchengesang.

Der Beginn meiner beruflichen Ausbildung war das Ende der Gottesdienstbesuche. Die christliche Kirche hatte mich nicht überzeugt durch das, was sie predigte und durch das, was sie vorlebte. Mit 20 Jahren trat ich offiziell aus der evangelischen-lutherischen Amtskirche aus.

Aber auch als junge Frau blieb mein fester und naiver Glaube an einen Gott unerschütterlich. Meine persönlichen Bittgebete waren allein an Gott gerichtet.

Es gab Zeiten in meinem Leben, da trieb ich wie ein herrenloses Schiff auf einem aufgewühlten Meer hilf- und schutzlos dahin. Kraft, Trost und Hoffnung habe ich mir nicht von "Jesus Christus" oder vom "Heiligen Geist" erhofft.

 

  ---   DER NEUANFANG  ---  

 

Von der Religion Islam hatte ich bis dahin noch nie etwas gehört oder gelesen. Zum ersten Mal hörte ich den Namen Allah von meinem späteren Ehemann, einem geborenen Muslim aus Südafrika.

1961 heirateten wir in Harnburg nach deutschem und islamischern Recht, mit der Zustimmung meines Vaters. Sein einziger Kommentar zu meinem Übertritt zum Islam war: 

"Es gibt nur einen Gott." 

Diese Erklärung erleichterte mir meinen Weg zu Allah.

Ich hatte keine Vorstellungen vorn Islam und seiner Lebensweise. Die folgenden Ehejahre waren ein stetiges Hineinwachsen in den Islam, durch die behutsame Führung meines Ehemannes, Allah schenkte uns drei Kinder, einen Sohn, der am siebten Tag nach seiner Geburt beschnitten wurde und zwei Töchter.

Der Islam begann für mich mit dem natürlichsten Grundbedürfnis des Menschen, mit Essen und Trinken. Das Verbot von Schweinefleisch und Alkohol befolgte ich vom ersten Tag an. Schweinefleisch hatte schon immer Ekel in mir erregt. Die Abhängigkeit vom Alkohol und seine negativen Auswirkungen im privaten, wie auch im öffentlichen Leben wirkten so abschreckend auf mich, dass ich mir fest vornahm, keinen Mann zu heiraten, der Alkohol trank.

Allah gab mir einen Muslim zum Ehemann, viele meiner christlichen Freunde brachen deshalb den Kontakt zu mir ab.

 1961 gab es kaum Muslime und Moscheen in Deutschland. Es gab kein halal-Fleisch und fast keine religiöse, deutschsprachige, islamische Literatur zu kaufen, die mein Wissen über den Islam hätte vertiefen können.

In dieser Zeit lernten wir palästinensische Studenten kennen. Wir bildeten eine kleine Gruppe, denn keiner von uns besaß ein regelmäßiges Einkommen als Student. Das Essen wurde gemeinsam geteilt, dadurch kam jeder täglich in den Genuss einer warmen Mahlzeit. Dieses starke Gefühl der Zugehörigkeit unter Muslimen, war der erste wirkliche Schritt auf meinem langen Weg zu Allah Subhanahu wa ta Ala.

Aus beruflichen Gründen verließen wir Deutschland und lebten 10 Jahre in den Niederlanden, Während dieser Zeit war es für mich das Natürlichste nur für meine Familie da zu sein. Meine vielfältigen Aufgaben, innerhalb und außerhalb der Familie, nahmen mich voll in Anspruch.

Während dieser Jahre suchte ich unter der emigrierten Muslimen im europäischen Ausland nach neuen Orientierungspunkten und Aufgaben, die meiner westlichen, anerzogenen Lebensweise und meiner humanitären Gesinnung eine neue Perspektive hätten eröffnen können. Aber es blieb wenig Raum und Zeit, weil jeder von uns mit dem wirtschaftlichen Aufbau seiner Familie voll in Anspruch genommen  wurde.

Nach unserer Rückkehr nach Deutschland wurde die Kreisstadt Soltau, im Bundesland Niedersachsen, unsere neue Heimat. Wir suchten sofort den Kontakt mit der deutschsprachigen Muslimgemeinschaft in der 80 km entfernten Großstadt Hamburg. Alle 14 Tage brachten wir unsere Kinder zum deutschsprachigen Islamunterricht in die Moschee, wo wir zum deutschsprachigen Familienkreis gehörten. Dort nahmen wir regelmäßig an den Islamvorträgen teil, sowie auch an dem deutschsprachigen Qur’an Stunden. Für diese wurde eine arabisch-deutsche Übersetzung benutzt. Die dazu parallel verlaufende philosophische Erläuterung der Qur’an Verse durch den Imam weckte damals in mir kein besonders großes Interesse, weil zu vieles unverstanden blieb.

Ich suchte weiterhin nach einem Weg, um mein theoretisches und praktisches Wissen in einer verständlichen Form für jedermann in die Tat umzusetzen. Schließlich war dies einer meiner Hauptgründe gewesen, die christliche Gemeinschaft zu verlassen, aber ich musste feststellen, dass auch die muslimische Gemeinschaft in Harnburg sich hauptsächlich mit dem theoretischen Wissen beschäftige. Die Enttäuschung über sowenig Eigeninitiative unter den Muslimen führte dazu, dass ich mich mehr und mehr für meine Mitmenschen in meiner unmittelbaren Umgebung, in der Stadt Soltau, einsetzte. Wahrend dieser Jahre hatte ich besonders viel mit Kindern und Jugendlichen, aber auch mit alten und kranken Menschen zu tun.

Ich unterrichtete Kinder im kreativen Malen und Zeichnen, gab Nachhilfeunterricht in Deutsch für türkische und deutsche Kinder, besuchte alte und kranke Menschen im Altersheim und Krankenhaus und übernahm für sie bürokratische Amtshandlungen. Ich versuchte für alle mein Bestes zu geben.

 

   MUSLIMISCHE KRIEGSFLÜCHTLINGE  

 

Ein großer Wendepunkt in meinem Leben kam für mich 1980, als die ersten Kriegsflüchtlinge aus Libanon und Afghanistan nach Soltau kamen. Ich erinnere mich noch ganz genau, als mein Ehemann aus der Schule kam und mir von einem afghanischen Jungen erzählte, dessen große Familie in Soltau Aufnahme gefunden hatte. Noch am selben Tag besuchten wir die Familie und boten unsere Hilfe an, Trotz Sprachschwierigkeiten fühlten wir alle in diesem Moment die große, tiefe und warme Brüderlichkeit im Islam.

Es kamen immer mehr Flüchtlinge in die Stadt Soltau, zu 90% waren es muslimische Flüchtlinge aus Libanon, Afghanistan, Pakistan, Palästina und Irak. Die Flüchtlinge konnten sich sprachlich nicht artikulieren und ich war die einzige deutsche Muslima in der Stadt Soltau.

Ich fühlte mich als deutschsprachige Muslima im Sinne des Islams gefordert, um ein mindest Maß der Erleichterung im täglichen Leben für diese Flüchtlinge zu erreichen. Der Augenblick war gekommen, auf den ich gewartet hatte. Jetzt konnte ich mein praktisches Wissen für die muslimischen Flüchtlinge anwenden. Auch für sie begann wie einst für mich, das "neue Leben" in Deutschland mit "Essen und Trinken".

Der "Landkreis Soltau-Fallingbostel" hatte bis dahin keine Erfahrungen im Umgang mit Muslimen. Es begann ein mühevoller Weg Teilen der Bevölkerung, den Behörden, den Schulen und den Krankenhäusern unsere  islamische Lebensweise zu erklären und zu begründen. Dabei stieß ich auf totale Ablehnung als auch auf wohlwollende Unterstützung. Dies war mein Weg zu Allah.

In den zurückliegenden Jahren, trug ich keine islamische Kleidung, später gelegentlich Kopftuch, aber nicht im Sinne von hijaab. Es waren die muslimischen Flüchtlingsfrauen, die ihre islamische Identität nicht leugneten oder aufgaben, die mir das Vertrauen gaben, mich auch islamisch zu kleiden. So begann ich ihre alltäglichen Schwierigkeiten im Zusammenleben in einer nicht-islamischen Gesellschaft zu erfahren und zu verstehen.

Aus dem starken Gefühl heraus, dass ich zu ihnen gehörte, entwickelte sich ein Vertrauensverhältnis zueinander, obwohl sie Arabisch sprachen, und ich nichts verstand. Ich war Muslima - wie sie - ich war eine von ihnen, Alhamdu-lillah.

Sie erzählten von ihren Eltern, ihrer Familie, von Makkah und Medina. Bei ihnen hörte ich zum ersten mal Qur’an Kassetten, und diese Rezitationen erweckten in mir den innigen Wunsch mehr über den Islam und das Leben von dem Propheten (a.s.s) zu erfahren. Gemeinsam fasteten wir im Ramadan, gemeinsam nahmen wir die iftar-Mahlzeit ein, gemeinsam feierten wir das id-ul-Fitr, Meine Idee, mit den Muslimen an diesem Festtag in die Moschee nach Hamburg zu fahren, wurde durch den Landkreis (ohne dessen Erlaubnis kein Flüchtling den Landkreis hätte verlassen dürfen) positiv aufgenommen und in die Tat umgesetzt. Gemeinsam fuhr ich mit ihnen am id-uI-Fitr zur Moschee in Hamburg.

Sehr viel Zeit verbrachte ich im großen Kreis dieser ersten muslimischen Familien in Soltau. Sie waren geborene Muslime, und durch ihre einfache islamische Lebensweise brachten sie mich unbewusst und sanft ein kleines Stück näher auf meinem Weg zu Allah.

Es war ein Kommen und Gehen, ein nicht abreißender Strom von Flüchtlingen aus aller Welt, aber für mich gab es keinen Stillstand, keine Zeit und keine Ruhe.

 

Umra - Der große Wendepunkt meines Lebens

Die unerwartete Mitteilung

Auf einem großen, deutschsprachigen Muslimtreffen in Hamburg  hörte mein Ehemann vom "Haus des Islams" in Lützelbach im Odenwald. Diese islamische Einrichtung hat es sich zur Aufgabe gemacht, Christen, die zum Islam übergetreten sind, die Möglichkeit zu geben, das Haus Allahs zu besuchen, Im Oktober 1987 meldete mich mein Ehemann, ohne mein Wissen, zur Umra an.

Zum ersten Mal war ich gezwungen zu lernen, was man tut, was man auf Arabisch sagt und was es bedeutet, wenn man die Absicht hat zum Haus Allah zu reisen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich meine täglichen fünf Pflichtgebete nicht verrichtet, sondern beließ es bei den gelegentlichen Gebeten in der Moschee. Das Auswendiglernen der arabischen Texte fiel mir nicht leicht und ich fühlte mich unsicher. Es war auch das erste Mal, dass ich mir islamische Kleidung mit hijaab nähen ließ.

Mein Sohn brachte mich mit dem Auto nach Lützelbach. Meine Angst vor den fremden und strengen Muslimen zu versagen, saß tief in meinem Innern und ich weinte bitterlich. Einige Kilometer vor Lützelbach hielt mein Sohn an einem Buchenwald an, und wir machten einen Spaziergang, aber ich konnte mich nicht beruhigen und bat meinen Sohn mit mir nach Hause zurückzufahren. Ich wollte keine Umra allein machen. Er verstand meine Ängste und machte mir einen sehr weisen Vorschlag: "Ich bringe dich jetzt zum Haus des Islam und du gehst einfach hinein und siehst es dir an. Ich warte solange bis du zurück kommst und wenn es dir nicht gefällt, nehme ich dich mit nach Hause zurück."

Ich nahm diesen Vorschlag an, und kehrte nach einiger Zeit erleichtert zu meinem Sohn zurück. Mit ganz ruhigem Herzen verabschiedete ich mich von ihm.

Im Haus des Islams fand ich Zeit und Ruhe für mich selbst, und es zog mich zu der deutschsprachigen Islamliteratur in die Bibliothek. Ja, endlich hatte ich gefunden was ich suchte, Bücher über den Islam.

"Sag: "Mein Herr, mehre mich mein Wissen." [ Sure 20:114]

 

 

Aufbruch zum Hause Allahs

Unsere Umra Gruppe setzte sich aus deutsch- und arabisch sprechenden Muslimen zusammen und sie war meine erste und schönste Reise zum Hause Allahs. Zum ersten Mal begegnete ich deutschen und arabischen Schwestern und Brüdern, die mich das islamische Band der Brüderlichkeit, der Wärme und der Liebe fühlen ließen, - und ich fühlte mich beschützt in ihrer Gegenwart, Alhamdu-lillah.

" Der Gläubige ist dem Gläubigen wie ein Mauerwerk: ein Teil davon hält den anderen fest. " [ A I-Bukhari ]

Auf meinem ersten Weg zum Hause Allahs trug ich meine erste schwarze Jilbaab mit hijaab und fühlte mich darin rundum wohl. Mitternacht war längst vorbei, als wir in Makkah ankamen. Wir machten uns sofort auf dem Weg, um unsere Umra zu verrichten.

Ich war weder müde, noch abgespannt von der Anstrengung der Reise. Mein Körper fühlte sich leicht an und meine Sinne waren hellwach. Der Himmel war schwarz, die Luft war lau und warm, tiefe Stille und Ruhe lagen über dem al-Haram, als wir ihn durch einen Seiteneingang betraten, der direkt auf den sa'i stieß. Wir überquerten den sa’i, liefen in Richtung safa und wandten uns dann nach rechts.

Der Blick war frei - da stand sie, die Ka’aba, im hellen Licht unter freiem, schwarzem Himmel. Ich blieb wie angewurzelt stehen, ich fühlte nichts und ich dachte an nichts, so überwältigend einfach wirkte die Ka’aba auf mich. Mit bloßen Füßen lief ich über den kühlen, weißen Marmorboden und mit jedem neuen Schritt, den ich vorwärts tat, näherte ich mich der Ka’aba. Langsam, Schritt für Schritt ging ich der Ka’aba ruhig entgegen - endlich war ich angekommen. Mein Herz rief, was meine Lippen formten:

 ’Labaik, Allahumma labaik, labaik la scharika laka labaik, innal hamda wa ni’mata lata wal mulk, la scharika lak" (Hier bin ich, O Allah, hier bin ich. Hier bin ich, Du hast keinen Teilhaber, hier bin ich. Alles Lob und alle Huld sind Dein und alle Herrschaft, du hast keinen Teilhaber).

An nichts anderes kann ich mich erinnern. Tawaaf, Gebet am maqam Ibrahim, zamzam und sa’i bildeten eine fließende Einheit, ohne dass ich mich erschöpft fühlte.

Glaube und Vertrauen

Nachdem ich die Umra verrichtet hatte, blieb ich bis zum salatul-fadjr im al-Haram. Als das Frühlicht am Himmel sichtbar wurde, hörte ich zum ersten Mal in meinem Leben den lauten Aufruf zum salah. Aus allen sieben Minaretten erklang der azan in alle Himmelsrichtungen.

Die kräftige Stimme des muezzins vibrierte durch die Luft und durchdrang mein Inneres; noch nie war ich mir meiner Hingabe an Allah so bewusst, und leise wiederholte ich:

"Allahu akbar, Allahu akbar, aschadu an la illaha illa Allah wa aschadu anna Muhammadar-rasuul-Allah, Allahu akbar, la ilaha illal-Allah. "

»Alllah ist der Allergrößte, Allah ist der Allergrößte, Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer Allah, und ich bezeuge, dass Muhammad der Gesandte Allahs ist,.......Allah ist der Allergrößte, es gibt keinen Gott außer Allah. Und seit dieser Umra sind "Alhamdu-lillah", "inscha-Allah" und "mascha-Allah" feste Bestandteile meiner alltäglichen Sprache geworden, ja sogar im Gespräch mit Nicht- Muslimen.

 

Der schwarze Stein

Die freie Zeit die mir zur Verfügung stand, verbrachte ich im al-Haram, um soviel wie möglich tawaaf und du’as zu machen. Während einer meiner tawaafs  umschritt ich in konzentrierter Aufmerksamkeit die Ka’aba im äußeren Kreis. Mein Gang war aufrecht, meine Bewegungen ruhig und gleitend, mein Schritt war fest und sicher, alles Schwere war von mir genommen. Im Sog der kreisenden Pilger wurde ich mit zum Schwarzen Stein gezogen. Ein junger Soldat überwachte, stehend auf einem der vorspringenden Eckquadersteine den Strom der Pilger, um keinen Stillstand aufkommen zu lassen. Als er mich erblickte, streckte er seinen rechten Arm mit dem kleinen Schlagstöckchen in der Hand nach vorne aus, um die nachdrängenden und schiebenden Pilger zu stoppen. Mit seinem Stöckchen zeigte er auf mich und dann auf den schwarzen Stein. Langsam beugte ich mich vor und umfasste mit beiden Händen die Silbereinfassung des Schwarzen Steins.

Meine Lippen berührten die ovale, glatte, schwarze Oberfläche des Steins und ich küsste ihn mit einer inneren Fassungslosigkeit. Meine Gebete verrichtete ich meistens in den letzten Reihen hinter der Rückwand des zamzam Brunnens. Ich betete so ruhig und innig, als wenn ich mein ganzes Leben nichts anderes getan hätte, Alhamdu-Lillah.

 

Stärkung der muslimischen Gemeinschaft

Bei all unseren arabischen Gastbesuchen lernte ich ein neues, in Deutschland fast verloren gegangenes, Familienleben wieder kennen. Der Respekt und die Hochachtung vor dem Alter, die innige und beschützende Liebe, und die Freude und der Stolz der Eltern auf ihre Kinder, waren Werte, denen ich kaum noch in meinem westlichen Lebensbereich begegnete.

Die gemeinsam eingenommenen Mahlzeiten bildeten immer den Höhepunkt eines Besuches, und es erwies sich, dass dies das beste und einfachste Mittel zur Stärkung und Festigung des islamischen Gemeinschaftgefühl untereinander ist.

Während meines Aufenthalts in Makkah und Madinah hatte ich jegliches Zeit- und Raumgefühl verloren. Meine erste Begegnung mit der Wüste wurde durch eine Einladung an unsere  Gruppe ermöglicht. Ein Wunschtraum ging in Erfüllung. Wir nahmen auf großen, ausgebreiteten Teppichen - Frauen und Männer getrennt - mitten in der Wüste Platz. An einem kahlen Baum hing, uns zu Ehren, bereits ein frisch geschlachtetes Schaf. Es wurde erzählt und gelacht, abwechselnd tranken wir arabischen Kaffee und Tee und dabei warteten wir ungeduldig auf das Essen. Die Brüder kochten in großen Töpfen das Lamm. Als erste bekamen wir Frauen die größten und besten Fleischstücke zugeteilt. Ich fühlte mich in dieser Gemeinschaft geborgen (in der die Anwesenheit Allahs allgegenwärtig ist)

[Allah ist allgegenwärtig mit seinem Wissen und Schutz, Bemerkung des Islamischen Zentrums Münster], Alhamdu-lillah.

" Und Er ist mit euch, wo immer ihr seid. Und Allah sieht, was ihr tut " [Sure 57:4]

Und zum ersten Mal verrichtete ich auf heiligem Boden, unter freiem Himmel mit Brüdern und Schwestern salatul-jamaa.

 

"König Abdul-Aziz" Universität

Auf Einladung der Frauenabteilung der ’King Abdul – Aziz" Universität in Jedda, hatte die deutsche Frauengruppe die einmalige Gelegenheit mit Professorinnen, Dozentinnen und Studentinnen über Frauenbildung zu sprechen. Beim Anblick der jungen Frauen, die so frei und fröhlich daher kamen, dachte ich an meine Töchter: wie schwer und mühsam mussten sie sich im Geschlechterkampf in der Schule und im Studium behaupten. Mann  und Frau sind zwar nach dem Gesetz gleichberechtigt, aber während des Studiums wird so wenig Rücksicht auf die biologischen Eigenschaften einer Frau genommen. Hier verfügte die Universität über soziale Einrichtungen, wie Babykrippen und Kindergarten. Keine Frau musste aus Gründen der Familienplanung das Studium abbrechen. Von so einer Universität können wir in Deutschland nur träumen!

Die gastgebenden arabischen Schwestern waren geduldige Zuhörerinnen und wir trugen ihnen unsere deutschen, spezifischen Islamprobleme vor. Mich beschäftigte nur ein einziger Gedanke, welcher Weg stand mir offen, um so schnell wie möglich mein Wissen im Islam aufzuarbeiten. Aber zwischen Traum und Realität klafften Welten.

Vor der Universität warten wir auf unseren Bus. Ich stand abseits der Gruppe, im Schatten einer hohen Mauer. Eine arabische Schwester stellte sich zu mir, und wie  von selbst ergab sich ein Gespräch in Englisch. Das war der Beginn eine Brücke von Deutschland mit dem Land unseres Propheten, im geistigen Sinne, zu bauen.

 

Stärkung des Imaans

Nach dem Abschiedstawaaf versprach ich vor der Ka’aba, meinen Ehemann und meine Kinder zum Hause Allahs zu bringen, inscha-Allah (1988/89 machte ich meine zweite Umra, diesmal in Begleitung von meinem Ehemann, Sohn und Tochter, Alhamdu lillah). Ich kehrte sichtbar für alle, innerlich und äußerlich verändert nach Deutschland, nach Soltau zu meiner Familie zurück, Alamdu-lillah, Ich war fest entschlossen, meinen islamischen Weg einzig und allein für Allah Subhanahu wa Taala konsequent fortzusetzen. Meine Reise zum Haus Allahs und das Bewusstsein Ihm einzig und allein zu dienen, gab mir die nötige Stärke für meinen imaan.

 

AUSWIRKUNGEN DER UMRA AUF MEIN LEBEN

 

Umbruch nach der Umra

" O die ihr glaubt, folgt Allah und den Gesandten, wenn er euch einlädt zu dem, was euch Leben verleiht..." [Sure 8:24]

Die Umra hatte mich stark geprägt und motiviert; sofort begann ich mich gründlich mit Qur’an und Sunna zu befassen. Den Heiligen Qur’an konnte ich nicht auf Arabisch lesen und doch war ich ernsthaft willens, den Heiligen Qur’an in meiner Muttersprache, Deutsch zu lesen und zu verstehen. Ich setzte mich intensiv mit "Al-qur’an Al-Karim und seine ungefähre Bedeutung in deutscher Sprache auseinander. Zum besseren Verständnis las ich den tafsir und Kommentare von Yusuf Ali, Sayyid Qutb, Maududi, Muhammad Asad und Ibn Kathir und studierte auch ahadith von Al-Buchari, Muslim und An-Nawawi.

                                                     „Mohammedaner"

Gleich nach meiner Rückkehr wurde ich auf die Probe gestellt: In einem Zeitungsbericht unserer Lokalpresse wurde über uns, als "Mohammedaner" berichtet. Sofort reagierte ich mit einem Leserbrief (der auch abgedruckt wurde) und klärte auf, dass "wir keine Mohammedaner sind, sondern Muslime.

Weiterhin wies ich darauf hin, dass seit 1986 die Standesbeamten Niedersachsens durch das Innenministerium per Erlass angewiesen sin, nicht mehr die Bezeichnung "mohammedanisch" zu verwenden. Stattdessen sind nun die Begriffe "islamisch " oder "muslimisch " für die Religionsbezeichnung von Muslimen in amtlichen Papieren zu benutzen".

Gleichzeitig erklärte ich den Lesern was das arabische Wort Islam bedeutet: "absolute Hingabe, Ergebenheit“. Die abgeleitete Form ’Salam’ bedeutet ’Frieden’. Dementsprechend ist ein Muslim derjenige der sich dem absoluten Willen Allahs, d.h. Gottes (und nicht des Propheten Muhammad a.s.s.) mit ganzem Herzen hingibt. Dies war der Anfang meiner Öffentlichkeitsarbeit für den Islam in der Presse.

 

Gemeinsames Lernen

Der innere Drang in meiner unmittelbaren Umgebung auf schöne Art und Weise zum Islam aufzurufen, wurde immer größer. Also suchte und fand ich zwei deutschsprachige Muslimas und mit Begeisterung und mit dem festen Willen gemeinsam auf der Grundlage von Qur’an und Sunna zu lernen, trafen wir uns einmal wöchentlich in unserem Haus. Die Gruppe vergrößerte sich rasch, auch eine Nichtmuslima gehörte dazu.

Gleichzeitig erteilte ich einer muslimischen Kindergruppe im Alter von sechs bis 14 Jahre Islamunterricht in deutscher Sprache, Ziel der islamischen Erziehung ist es bis heute, dass die Kinder ihre teilweise verdeckten religiösen Wurzeln kennenlernen sollen, um ihnen zu Selbstbewusstsein und Stärke zu verhelfen, damit sie in der deutschen Gesellschaft mit der eigenen islamischen Identität leben können.

 

 

Offizielle Vornamensänderung

aus "Angelika" wurde "Gaironnissa "

lch hatte in der Sunna gelesen, dass Abu Darda berichtete, dass unser Prophet (a.s.s.) gesagt habe:

 "Am Tage der Auferstehung werdet ihr mit euren  und eurer Väter Namen gerufen werden, so gebt einander gute Namen."

Auch ich möchte an diesem Tag mit meinem muslimischen Vornamen gerufen werden, inscha-Allah.

Die gründliche Auseinandersetzung mit Qur’an und Sunna und die parallel dazu verlaufende, praktische islamische Hausarbeit in Soltau, veränderten positiv mein Denken und Handeln im Islam. Ich wurde mir meiner islamischen Identität tagtäglich stärker bewusst.

Im Ramadan 1989 entschloss ich mich, meine christlichen Vornamen offiziell abzulegen. Mit diesem Schritt wollte ich meine Verbundenheit zum Islam, anhand meines neuen Namens "Gaironisa" als Muslima erkannt zu werden, bekräftigen.

Meine erste Anfrage beim Landkreis wurde negativ entschieden, Ich widersprach dieser Entscheidung mit dem Argument: „Dass deutschen Staatsbürgern mit jüdischem Glauben jede erdenkliche Erleichterung im Praktizieren ihrer Religion zugestanden wird, im Gegensatz zu den hier lebenden, ebenfalls praktizierenden deutschen Staatsbürgern mit muslimischem Glauben!“

Mein Antrag wurde daraufhin ohne Kommentar bewilligt.

Mit meiner Namensänderung schuf ich in unserem Landkreis einen Präzedenzfall. Man befürchtete, dass durch mein Vorbild eine Kettenreaktion von islamischen Vornamensänderungen ausgelöst werden könnte.

Am 28.09,1989 wurde mir von der Standesbeamtin im Soltauer Rathaus, feierlich meine Urkunde über die Änderung meines Vornamens in "Gaironsa", überreicht. Bewusst hatte ich die Vornamen meiner Taufpaten abgelegt, denn ich wollte nun endgültig das christliche Taufband durchtrennen. Es war ein großer Freudentag und ich fühlte mich wie neu geboren, A Ihamdu-lillah.

Die Standesbeamtin und ich unterhielten uns über meinen islamischen Vornamen und ich erklärte ihr die Bedeutung von Gaironisa: >das Beste der Frauen<. Eine bessere und schönere Gelegenheit für die dawa Arbeit hätte ich mir nicht wünschen können, Alhamdu-lillah.

"O Allah gib mir immer die Kraft und Stärke im Sinne meines Namens das Beste für die Sache des Islams zu geben, inshaa- Allah."

 

Kopftuch (hijaab)

Alle meine offiziellen persönlichen Dokumente, wie Geburtsurkunde, Personalausweis, Reisepass und Führerschein mussten geändert werden. Mein neuer Personalausweis und Reisepass zeigten mich mit Kopftuch. ln der Annahme, dass mein Führerschein ebenso problemlos bearbeitet würde, irrte ich mich gewaltig. Der ablehnende Bescheid der Führerscheinstelle des Landkreises lautete:

"nur Nonnen mit Schleier, Mitarbeiter/innen des roten Kreuzes mit Mütze und die Kaste der Sikhs mit Turban dürfen sich für das Führerscheinfoto mit Kopfbedeckung ablichten lassen". Diesen Erlass konnte und wollte  ich nicht akzeptieren. Meine Gegenfrage lautete:

"Wodurch unterscheidet sich eine Nonne mit Schleier von einer Muslima mit hijaab?" Es herrschte peinliches Schweigen, eine Antwort blieb man mir schuldig.

Ich ersuchte ein Gespräch beim Amtsstellenleiter. Dieser verwies mich auf das "Kopftuchverbot", dass das Ministerium für Religiöse Angelegenheiten in Ankara/Türkei heraus gegeben hat. Der Beamte war der Meinung, dass das "Kopftuchverbot", auch für mich, "eine deutschstämmige Muslima" bindend sei. Ich widersprach und musste daraufhin einen begründeten Antrag auf Ausstellung meines Führerscheins mit "Kopftuchfoto" an das Innenministerium in Hannover richten.

In meinem Antrag an das Innenministerium berief ich mich auf das Deutsche Grundgesetz - Artikel 4 - Absatz l und 2:

"Die Freiheit des Glaubens ist unverletzlich und  die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet". Weiter argumentierte ich, dass ich von Geburt Deutsche bin, mit gleichen Rechten und Pflichten, wie jeder andere deutsche Staatsbürger einer anderen Konfession auch. Staatlich angeordnete türkische Religionsvorschriften beruhen nicht auf dem deutschen Grundgesetz - Artikel 4- und besitzen für die in Deutschland lebenden Muslime keine Rechtsgültigkeit!

Man forderte mich auf auch anhand des Heiligen Qur’ans, die vorgeschriebene Kopfbedeckung zu belegen. Schriftlich zitierte ich Sure 33:59.

" O Prophet! Sag deinen Gattinnen und deinen Töchtern und den Frauen der Gläubigen, dass sie ihre Übergewänder über sich ziehen. so ist es besser für sie und werden sie eher erkannt und nicht belästigt...."

Einige Wochen später wurde mein Antrag fernmündlich aus dem Innenministerium bewilligt. Dadurch entzog sich das Innenministerium einer schriftlichen Begründung, um vorbeugend, wie auch im Fall meiner Vornamensänderung, nachfolgenden muslimischen Antragstellern den bürokratischen Amtsweg erschwerend und abschreckend, auf keinem Fall zur Nachahmung zu empfehlen.

 

Hadj - erste Ablehnung

 

Mittlerweile wurde der Wunsch hadj, einzig und allein für Allah subhanah wa ta Ala zu verrichten, immer stärker. Mein Ehernarm gab mir die Erlaubnis, mich einer hadj-Gruppe anzuschießen, da er seitens seines Arbeitsgebers keine Beurlaubung für die hadj bekam. Alle hadj- und Reiseformalitäten waren abgeschlossen, als mich 24 Stunden vor Abflug die Mitteilung erreichte: "hadj Visum abgelebnt - Kein mahram."

In einem ausführlichen Brief legte ich Seiner Majestät König Fahd meine Schwierigkeiten hadj "ohne mahram" aus der Sicht einer zum Islam übergetretenen Muslima dar. Weiter erklärte ich, dass deutsche und ausländische Muslimas häufig ohne muslimische Verwandte hier leben müssen, Für diese Schwestern besteht keine Möglichkeit hadj ''mit mahram" zu verrichten, sie sind gezwungen sich einer hadj Gruppe anzuschließen. 1990 beantragte ich erneut ein hadj Visum und erhielt es, Alhamdu-lillah.

 

HADJ, DER GRÖSSTE WENDEPUNKT MEINES LEBENS

 

"Und verrichte die Hadj und die Umra für Allah." [Sure 2:196]

 

Vorbereitung und Abfahrt

Als einzige deutsche Muslima habe ich meine hadj l410 H, mit einer marokkanisch/tunesischen Gruppe vollzogen, Alhamdu- lillah.

Meiner niyah, in diesem Jahr und in dem Jahr davor hadj zu verrichten, gingen zwei Besuche zur Ka ’aba 1987/88 und 1988/89 voraus. Diese umrataan haben in  mir eine Bewusstseinsveränderung ausgelöst. Mein Handeln und Denken dienten der Gemeinschaft – konkret: zum Islam aufrufen, islamischen Unterricht für Kinder und Mädchen zu geben und Treffen zum Qur’an-Lesen zu veranstalten. Aus diesem Prozess der religiösen Entwicklung vorwärts, stellte sich für mich die zentrale Frage nach dem Tod bzw. nach dem Leben nach dem Tod. Je intensiver ich mich damit auseinandersetzte, umso stärker wurde mein Verlangen, meine Pflicht, hadj allein für Allah zu verrichten. Muslime, die die hadj verrichten, sollten sich ernsthaft nach dem "Warum" befragen, anders kann hadj sehr schnell zur Einkaufsreise werden. Auch mit "zamzam und Datteln" erfreut man jedes Muslimherz der Daheimgebliebenen.

Wir flogen von Soltaau-Hannover-Frankfurt nach Saudi-Arabien. Die Ankunft in Jedda und die Abfertigung der Pass- und Zollformalitäten verliefen reibungslos und zügig.

 

Madinah

In den frühen Morgenstunden fuhren wir mit dem Bus nach Madinah. Während der Reise betrachtete ich die Berge und die Wüste, fühlte die glühende Hitze und verspürte Durst, aber keinen Hunger; in den nächsten Wochen wollte ich mich so wenig wie möglich mit "Essen" beschäftigen. Aus Brot und Wasser, Joghurt und Obst sollte meine Ernährung bestehen, inscha-Allah. Ich dachte an die sira unseres Propheten a.s.s. und freute mich auf die Ankunft und meine siyara in Madinah.

Madinah – Stadt des Kennenlernens: In der Propheten-Moschee traf ich viele Schwerstem aus aller Welt und wir tauschten Gedanken über den Islam in unseren Ländern aus.

 

 Makkah

Vor Aufbruch nach Makkah legte ich ihram an und machte meine niyah. Noch 7 km bis Makkah; sehnsüchtig und klopfenden Herzens blickte ich Makkah entgegen "Labaik allahumma labaik... ".

Dieses verlangende Gefühl, zum Hause Allahs zurückkehren zu dürfen, sollte mich inscha-Allah nie mehr verlassen, "Oh, Allah, gib mir hier eine Wohnstätte!" Wenig später hielt der Bus vor dem Hotel.

Ich machte meinen t’awaaf  für umra und sa’i, kürzte die Haare und legte ihram ab. Mein größtes und wichtiges Bedürfnis in Makkah war, soviel wie möglich tawaaf  zu verrichten. Vor Aufbruch nach Mina legte ich  ihram an - ich trug mein weißes Totenhemd - und machte meine niyah für hadj. Wir sollten fünf Tage in der Wüste bleiben. Ich hatte zuviel und unnötigen Ballast eingepackt. Was brauche ich zum Sterben und was benötige ich zum Leben? Auf meiner Reise zu Ihm wurde mir das klar.

 

 Mina und Arafat

Am 8. dhul-Hijja fuhren wir nach Mina. wo wir übernachteten und am 9. dhul - Hijja brachen wir auf nach Arafat. Innerlich hatte ich mich darauf vorbereitet, dass wir ab mittags in der glühenden Sonne wartend vor Allah stehen werden, wie am "Jüngsten Tage". Aber wir blieben im Zelt, welch eine Erleichterung! Was sollte ich hier tun? Nichts, ich war frei.

Auf dem Rücken liegend schaute ich durch die breiten Zeltspalten in den hohen, hellblauen und wolkenlosen Himmel. Ich war in Arafat zum Nachdenken! Bei dieser äußeren und inneren Abgeschiedenheit meines "Ich" las im heiligen Qur’an:

"Aber wenn du sähest, wie sie vor ihren Herrn gestellt werden! Er wird sagen: "Ist dies nicht die Wahrheit?" Sie werden sagen: "Gewiss, bei unserem Herrn..." [ Sura 6:30 ]

Noch war der Augenblick des Todes nicht gekommen, aber es war höchste Zeit, dass ich hier in der Wüste Arafats mein bisheriges "Tun und Lassen" erkennen und mir hier darüber bewusst werden sollte, dass ich am "Jüngsten Tag" für mein "Denken und Handeln" zur Rechenschaft gezogen werde.

150 Nationen, zwei Millionen Muslime hörten die khutba in der Ebene Arafats, auch wir hatten das Zelt verlassen. Die arabische Ansprache, die unser Prophet Muhamrnad (a.s.s.) hier hielt und die wir "Lebenden" an gleicher Stelle wieder hörten, erschütterte mein Inneres zutiefst.

Die Verantwortung für mich selbst und die Verantwortung für die Gemeinschaft schienen mich in diesem Augenblick zu erdrücken: "Befolgen wir die Anweisungen unseres Propheten Muhammad (s.a.s.), die Unwissenheit im Islam zu  bekämpfen? Erfüllen wir die Mahnung unseres Propheten Muhammad (a.s.s.), den Frauen im Islam die von Allah verliehenen Rechte zu lehren? Halten wir uns an die Gebote und Verbote des Qur’an,  bauen wir auf seinem Fundament unser Leben auf? Nein, und nochmals Nein!"

Ich blickte zum jabal-ar-Rahmah [jabal-ar-Rahmah ist eigentlich eine falsche Bezeichnung (Komentar vom islamischen Zentrum Müenster)] hinüber, ich sehnte mich nach dieser Gemeinschaft in ihren weißen Totenhemden. Kein Muslim braucht sich hier seiner Tränen der Reue und des Schmerzes zu schämen. Nach Arafat muss für mich ein „Neues Leben“ beginnen, einzig und allein Allah zu dienen und einzig und allein Allah zu gehorchen, inscha-Allah, denn hier während seiner letzten Pilgerfahrt nach Makkah empfing der Prophet (a.s.s) die denkwürdige letzte Offenbarung:

" Heute habe Ich euch eure Religion vollendet und an euch meine Gnade erfüllt und euch den Islam zum Glauben bestimmt." [Sure 5:3]

Die rotglühende Sonne versank schnell hinter den Bergen - der Aufenthalt in Arafat war beendet, Alhamdu-lillah.

 

Musdalifa

Die Dunkelheit breitete sich schnell aus. Eingeengt und eingesperrt saßen wir im Bus. Sehnsüchtig verfolgte ich die Gemeinschaft, die durch ihre Unabhängigkeit und durch ihre Bewegungsfreiheit auf dem nächtlichen Fußmarsch durch die Wüste Richtung Musdalifa marschierte.

Wir rasteten und ruhten in Musdalifa und bereiteten uns beim Aufsammeln unserer sieben Steine auf den Kampf am nächsten Morgen gegen Schaitan vor.

Die Nacht von Musdalifa war unbeschreiblich schön – Ruhe breitete sich aus - ich betrachtete den tiefschwarzen Himmel mit seinem Mond und den Sternen. Ich verspürte keine Müdigkeit, innerlich war ich ruhelos und allein in dieser großen und stillen Gemeinschaft. In dieser Nacht dachte ich noch einmal an den Propheten Ibrahim (a.s.) und an seinen gewaltigen inneren und äußeren Kampf, Schaitans Versuchung zu widerstehen. Prophet Ibrahim (a.s.) vertrieb Schaitan, indem er mehrmals mit Steinen nach ihm warf. Wird mir das auch gelingen beim "Steinigen"? Ich dachte an Prophet lbrahims innere Unterwerfung und an seinen absoluten Gehorsam, Allahs Befehl "seinen Sohn, das liebste" zu opfern ohne "Wenn und Aber". Bin ich bereit, mein "Ich" – bezogenes Leben zu opfern?

 

Mina

In der Morgendämmerung verrichteten wir das Fadjr-Gebet, und vor Sonnenaufgang verließen wir Musdalifa. – ein 3 Km langer Fußmarsch lag vor uns. Beim Laufen spürte ich nicht das Gewicht meines Körpers, ich fühlte mich so leicht und beweglich. Meine Schritte waren ruhig und gleichmäßig, mein Geist konzentrierte sich auf die Gemeinschaft. und nahm jede Bewegung wahr. Wachsam und forschend verfolgten meine Augen jede Veränderung meines Blickfeldes, ich strebte vorwärts, nichts konnte mich aufhalten, nur Allah. Ich musste kämpfen, noch war ich nicht am Ziel, aber in mir verspürte ich Freude - worüber? Ich verstand so wenig, und doch fühle ich verstanden zu haben. Die Sonne schien über Mina. Drei oder  vier Tage sollten wir in Zelten, wie zu Zeiten des Propheten (a.s.s.), verbringen.

Es war vormittags, der 10. Tag, jetzt musste ich die letzte und größte Säule von drei hintereinander liegenden Säulen, Symbole des Schaitans, mit meinen  sieben Steinen aus Musdalifa treffen. Jetzt brauchte ich meine ganze körperliche und seelische Kraft, um gegen Schaitan zu kämpfen. Er durfte meine Absicht zu opfern absolut nicht ins Wanken bringen. Siebenmal „Allahu Akbar“ – ich hatte es geschafft und Schaitan getroffen. Ich kehrte zum ausgemachten Sammelpunkt zurück, und mir stieg unendlich viel Kraft und Freude auf, für heute hatte ich Schaitan in mir besiegt. Die Brüder fragten: "Hast du es geschafft? Hast du auch getroffen?", Die Betonung der Brüder lag auf "getroffen". Wenn ich den Schaitan nicht siebenmal getroffen hätte, dann war meine hadj nicht gültig. "Ja, ich habe getroffen." Dabei spürte ich, dass auch meine Augen strahlten, für einen winzigen Augenblick hatte ich Schaitan, allein und ganz allein auf mich selbst gestellt, besiegt. Das war ein Grund zur Freude und zum Strahlen! Aber pass auf, Schaitan lauert überall, also keine Überheblichkeit. Ich legte Ihram ab und wand mich meinem "Neuen Leben" wieder zu, Alhamdu-lillah. Mit dem Bus kehrten wir nach Makkah zurück.

Makkah

Nach der rituellen Reinigung verrichteten wir unter Führung zweier Brüder tawaaf al-ifada und sa’i. Beim sa’i wurde ich langsam innerlich ruhiger. Ich dachte an Hagar, eine starke Frau im Glauben, an ihren verzweifelten Kampf auf Leben und Tod. "Oh, Allah, gib mir die äußere Kraft und innerliche Stärke, dass ich meinen Platz in der Gemeinschaft mit der Erkenntnis von Arafat, mit dem Bewusstsein von Musdalifa und der Liebe und Brüderlichkeit von Mina ausfüllen kann, inscha- Allah"  Danach kehrten wir nach Mina zurück.

Am 11. Tag musste ich alle drei Säulen steinigen, ich begann diesmal mit der kleinsten. In einem Augenblick der körperlichen und geistigen Schwäche stand Schaitan neben mir - wir hatten Schwester Fatima verloren - die Leiber drängten sich dicht aneinander. Dies und das aggressive Verhalten der Menschenmenge versetzten mich  einen kurzen Augenblick in panische Angst - ich wollte die mittlere Säule nicht mehr steinigen, ich wollte fort, zurück ins sichere Zelt. Dann steinigte ich doch, Alhamdu-lillah. In einiger Entfernung stand ich vor der Säule, aber ich konnte meinen rechten Arm nicht heben, eine überschwere Schwester lag mit ihrem ganzen Körpergewicht auf mir. Plötzlich spürte ich etwas Raum um mich; ich konnte mich auf die Zehenspitzen stellen und meinen rechten Arm heben und siebenmal ungehindert werfen und treffen. Als ich mich umdrehte, begriff ich in diesem Moment, wer mir den Weg zum Steinigen geebnet hatte. Neben mir stand ein sehr, sehr großer, junger, braunhäutiger Bruder mit strahlenden Augen und lachenden Mund mit Zähnen wie Perlen, im braunen Kaftan und schneeweißen. Turban. Mit seinem langen Arm hatte er mir die linke Seite frei gehalten, daher meine Beweglichkeit beim Werfen, Alhamdu-lillah. In seiner unmissverständlichen Sprache fragte er mich ob ich es geschafft hatte, auf Deutsch hatte ich ihm dies freudestrahlend bestätigt, Allahu Akbar!

Am 12. Tag wiederholte ich die Steinigung der drei Säulen. Freiwillig blieb ich den 13. Tag in Mina. Ich genoss die äußere und die innere Ruhe und ließ sie auf mich einwirken. Noch einmal musste ich alle drei Saulen der Reihe nach steinigen. Der Kampf gegen Schaitan kennt kein Ende. Ich wollte mich vergewissern, dass sich die Gefahr vom 11. Tag nicht wiederholte. Wird mir dieser Tag als ständige Warnung in Erinnerung bleiben? Eins wusste ich mit absoluter Sicherheit, dass der Kampf gegen Schaitan erst richtig nach dem Hadj für mich beginnt.

Wir verließen die leere Zeltstadt Mina. Hier begegnete mir die Liebe und die Brüderlichkeit. Der Abschied fiel mir schwer. Ich blickte zu den Bergketten, die Mina, sowie Musdalifa und Mekkah einkreisen, hinauf. Als Gefangene meines eigenen "Ich"  kam ich hier her, als neuer Mensch verließ ich diesen Ort der Liebe: „Dieser Glaube – Der Islam“.(Sayyid Qutb)

Qurban (Opfern) in Mina

Wir waren wieder in Mina auf der Fahrt zum Schlachthaus. Während der Fahrt dachte ich über meine niyah zu opfern nach. Vor meinem Aufbruch zum Hadj hatte ich mich mit dem Sinn des Opferns, dem "Für und Wider" auseinandergesetzt. Es schien so, dass es vernünftige Gründe zur Rechtfertigung, nicht zu opfern, gab, wie z. B.  "reine Verschwendung von Fleisch, weil es die Bedürftigen nicht erreicht. Sinnvoller dagegen wäre eine Geldspende für die Hungernden in Asien und Afrika". Die häufigste Frage, die mir von allen Seiten gestellt wurde, war: "Warum machst du jetzt schon Hadj? Das kannst du doch machen wenn du alt bist!" Diese religiösen Gründe zur Rechtfertigung, sein "Ich" nicht zu opfern, sind nicht so einfach zu durchschauen, weil die Menschen glauben, dass Allahs Gebote nicht  für dieses Leben bestimmt sind. Anstatt ihre religiöse Entwicklung voranzutreiben, glauben sie, dass sie ohne an sich selbst arbeiten zu müssen, ihren Lohn von Allah nach dem Tode mühelos erhalten, weil sie ihre Pflicht, Hadj zu verrichten, erfüllt haben.

Wir waren angekommen, die Brüder suchten in meiner Gegenwart  ein Schaf aus; vor dem Schlachten erhielt es meinen Vornamen. Bein Zuschauen der Schlachtung – und dies war mein ausdrücklicher Wunsch – überkam mich Hilflosigkeit. Ich ließ mich von Äußerlichkeiten ablenken und vergaß für einen Augenblick den tiefen symbolischen Sinn des Opferns – Schaitan stand wieder neben mir-, aber es war zu spät, meinen Entschluss rückgängig zu machen. Von Anfang an hatte ich mich vor der rituellen Schlachtung gefürchtet. Ich musste mich zwingen, mein Selbstmitleid meines "Ich" hier an Ort und Stelle zu bekämpfen, Ein Bruder kam mir zur Hilfe, und erinnerte mich streng daran, dass das Opfern meines Schafes ein Grund zur Freude ist. "Wenn ich das nicht begreifen würde, wäre ich hier fehl am Platze!" In meinem Innern zog sich etwas schmerzhaft zusammen - ich wusste doch, was ich tun musste und warum!  Ich riss mich vom meinen Gefühlen los, und dann war ich bereit, mein Schaf, Symbol meines "Ich" bezogenen Lebens zu opfern, Alhamdu- lillah, denn:

"Weder ihr Fleisch, noch ihr Blut erreicht Allah, sondern es erreicht IHN einzig und allein eure Frömmigkeit." [Sure 22:37]

Ich durfte meinen Brüdern mein Schaf schenken, weil sie ihre geopferten Schafe an die vielen Armen verteilt hatten. Jede Nacht verbrachte ich unter freiem Himmel im al-Haram. Ich machte soviel wie möglich tawaaf, schaute und beobachtete.

Abschied

Ich musste Abschied nehmen, zum letzten Mal umkreiste ich das Haus Allahs. Mein Herz weinte, meine Augen waren feucht, ich möchte mich an die Ka’aba anlehnen, mich daran festklammern, aber niemand bleibt für ewig hier. Die Muslime kommen und gehen, seit Prophet l’brahim (a.s.) "das Haus" für Allah errichtet hat, Al-hamdu-lillah.

 

 

Die Auswirkung des Hadj auf mein Leben

Hijaab

"O Kinder Adams!  Wahrlich, Wir sandten auf euch hinab Kleidung um eure Blöße zu bedecken und als Prunkgewand. Doch das Gewand der Frömmigkeit, ist das Beste." [Sure 7:26]

Der Hadj hat mich befreit, mich innerlich und äußerlich positiv verändert - so kehrte ich zurück von dem Hadj. Endgültig habe ich den Hijaab einzig und allein für Allah genommen. Aber was bedeutet der Hijaab für mich persönlich? Es ist nicht etwas, was mich trennt von dem Rest der Welt, oder etwas, was meine Bewegungsfreiheit einengt, wie sooft in unseren Medien behauptet wird. Es ist auch kein Zeichen der weiblichen Schwäche oder Minderwertigkeit dem Manne gegenüber. Es schafft Ordnung in der sozialen Beziehung zwischen Mann und Frau. Mit dem Hijab werde ich als Muslima erkannt, denn ich bin stolz eine Muslima zu sein, Alhamdu-liiah,

Aufruf zum Weg Allahs

"Lade ein zum Weg Deines Herrn mit Weisheit und schöner Ermahnung, und streite mit ihnen auf die beste Art und Weise." [ Sure 16: 125 ]

Aufrufen zum Islam ist Dienst an Allah. Jeder Gläubige, ob Mann oder Frau, sollte dies, je nach seiner bzw. ihrer Fähigkeit und Möglichkeit durchführen. Unser Prophet (a.s.s.) sagte:

"Der, der zu etwas führt was gut ist, wird eine Belohnung erhalten, die gleichbedeutend sein wird mit der Belohnung von dem, der das Gute ausgeführt hat. " [Tirmidhi]

Zurück in Deutschland wollte ich die positiven Auswirkungen des Hadj noch effektiver in die Praxis umsetzen entsprechend meinen Möglichkeiten in unserer kleinen Stadt Soltau. Es war mein Ziel, Verständnis für den Islam als Glaubenslehre und Lebensweise auf dem Fundament von Qur’an und Sunnah durch regelmäßige Veröffentlichungen, Vorträge und im Umgang miteinander zu erwecken. Mein großes Bemühen war, dem Negativbild des Islams in den deutschen Medien und in meiner unmittelbaren Umgebung durch sachgerechte Information zu begegnen. So fing ich an vor nicht-muslimischen Frauengruppen und auf der Kreisvolkshochschule Soltau Vorträge über den Islam zu halten, um Missverständnisse, Vorurteile und Unkenntnisse über unsere Religion aus der Welt zu räumen. Bald wurde ich regelmäßig zu den christlichen Religionsstunden in verschiedenen Schulen eingeladen, um über unseren Glauben zu sprechen.

Regelmäßig nahm ich schriftlich zu Aussagen über den Islam in der Presse Stellung.  Ebenfalls regelmäßig, erklärte ich den Zeitungslesern in Artikeln und Interviews unsere Islamischen Feste ’Id-ul-Fitr" und ’Id-ul-Adha" und ihre Bedeutung für den Islam. Für unsere muslimischen Kinder in unserer Stadt Soltau erreichte ich so, dass sie an unseren Festtagen schulfrei bekommen, was keine Selbstverständlichkeit ist in einer nicht- islamischen Gesellschaft.

1991 organisierte und lud ich zu einer "Arabischen Kalligraphie Ausstellung" in unsere Stadtbibliothek Soltau ein. Dem deutschen Publikum wurde die Schönheit unserer Heiligen Buchstaben in qur’anischen Versen, Ahadith und arabischen Weisheiten gezeigt. Die Resonanz war sehr positiv, vor allem Schüler aller Schultypen besuchten mit ihren Lehrern die Ausstellung und stellten viele interessierte Fragen über dem Islam. Gerade dies war der Sinn der Ausstellung, den Islam auf schöne Art und Weise bekannt zu machen.

Das große Interesse des Publikums an dieser Ausstellung motivierte mich, verschiedene Bibliotheken in unserem Landkreis aufzusuchen, um sachgerechte und informative Islamliteratur für Erwachsene und Kinder vorzustellen. Unsere Stadtbibliothek folgte meinem Vorschlag und nahm die Islamliteratur in ihren Bücherbestand auf, Alhamdu- ililah,

Die Situation der muslimischen Frauen in Deutschland, die zum Islam übergetreten sind, wollte ich meinen muslimischen Schwestern in anderen Ländern bekannt machen und auch sie aufrufen ihre Anstrengungen für die Verbreitung Allahs Wort, ungeachtet anti-islamischer Propaganda fortzusetzen, "Jihad fi sabi lillah"  sollte überall propagiert werden. Also suchte ich schriftliche und persönliche Verbindungen zu Frauengruppen in Namibia, England, den Niederlanden und Südafrika.

Unsere Kinder, unsere Zukunft

Durch die Da’wa Arbeit ist mir bewusst geworden, dass die islamische Erziehung unserer Kinder und Jugendlichen Priorität haben muss, vor allem in einer Gesellschaft wo religiöse Werte kaum noch Bedeutung beigemessen werden. Für diese Priorität auf der Basis von Qur’an und Sunna werde ich mich weiter einsetzen, wenn auch in der improvisierenden Art und Weise wie bis jetzt, inscha-Allah  (l993 haben mein Ehemann und ich unser Privathaus für den Islam geöffnet, durch Einrichten eines kleinen Musallahs (Gebetsecke) in unserem Haus für die Muslime in unserer Umgebung und für Reisende. Seitdem findet auch das Freitaggebet mit khutba (salatui-yumu ’ah) regelmäßig statt, Alhamdu-l’illah. Im kleinen Rahmen wird auch der Islamunterricht für Kinder in meinem Privathaus von mir fortgesetzt (angefangen nach der ersten Umra 1988), denn in den deutschen staatlichen Schulen wird bis heute kein islamischer Religionsunterricht erteilt.)Denn unsere Kinder sind die Bausteine für die Zukunft des Islams.

Tauhid

Das Festhalten an Tauhid - das Fundament des Islams - hat mir immer wieder neue Kraft gegeben auf meinen geraden Weg zu IHM. Durch Tauhid finde ich Frieden und Standfestigkeit im Glauben, denn wer auf Allah vertraut, wird auch festhalten an Seinen göttlichen Offenbarungen und sich anstrengen dementsprechend zu handeln, Allah Subhanahu wa la Ala ist Allgegenwärtig, ER sieht alles, ER hört alles. Ein Handeln um das eigene Ego zu befriedigen ist ausgeschlossen, denn das höchste Ziel eines Gläubigen ist Gerechtigkeit im Sinne des tauhids.

Das tiefe und innige Vertrauen auf Allah erfüllt mein Herz, lässt Ruhe und Glück in mein Herz einkehren und gibt mir Geduld und Mut für die Fortsetzung meines Weges, Alhamdu-lillah, denn die Hoffnung auf die Barmherzigkeit Allahs sollen wir nie aufgeben. Dieser Glaube, DER ISLAM, hat mich geistig befreit, und mein Blickfeld erweitert für die wunderbare Schönheiten SEINER Zeichen, Alhamdu-liilah.

"Jene, die glauben und deren Herzen Frieden finden im Gedenken Allahs, denn gewiss, im Gedenken Allahs finden die Herzen Frieden." [Sure l3:28]

 

 

ANHANG

"Und haltet euch insgesamt an Allahs Seil fest und zersplittert euch nicht....."[ Sure 3;103]

Der zunehmende Widerstand in Deutschland und in anderen nicht-muslimischen Ländern gegen den Islam zwingt uns heute mehr denn je zum gemeinsamen Handeln für den Islam, gerade weil die Verbreitung des Islams voranschreitet. Der Islam hat nicht nur in Deutschland, sondern auch in ganz Europa und in anderen nicht-muslimischen Ländern eine Zukunft, inscha- Allah. Die Wege, die zum Ziel führen sind alle unterschiedlich, weil dies einzig und allein von unserer schwachen oder starken islamischen Identität abhängt, aber Allah weiß es am Besten.

Die Mehrheit der zum Islam übergetretenen deutschstämmigen Muslime sind Frauen, Alhamdu-liIlah. Folglich kommt der verkappte und gezielte Widerstand in den Medien, gegen den Islam, aber vor allem gegen die muslimischen Frauen nicht unerwartet. Wir müssen deshalb bereit sein Verantwortung zu übernehmen und Opfer zu erbringen.

Möge Allah Subhanahu wa ta Ala unseren jungen Mädchen und Frauen, aber auch unserer Umma helfen, in ihrer Anstrengung positive Veränderungen für den Islam zu erreichen in einer nicht -islamischen Gesellschaft, inscha-Allah. Unsere beste Rechtleitung zum Erfolg, zu Allah, ist der Heilige Qur’an und unser bestes Beispiel die Tradition unseres Propheten Muhammad (a.s.s.).



 


Quelle: as-sunnah.de


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